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Offener Brief zum Standort des Lindauer Bahnhofs              vom 13.5.1998

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

(damals noch Jürgen Müller)

mit der Standortverlegung des Lindauer Bahnhofs steht eine Entscheidung an, die für die nächsten 50 bis 100 Jahre Gültigkeit hat. Bei einer so bedeutsamen Entscheidung müssen daher alle Gesichtspunkte und alle Überlegungen sorgfältig und in umfassender Weise in die Diskussion einfließen. Dies ist nach meiner Meinung bis jetzt noch nicht in der geforderten Weise geschehen.

Bisher haben die Vertreter der Deutschen Bahn AG erkennen lassen, dass für sie die Zeiteinsparung bei den Fernzügen und eine lukrative Vermarktung frei werdender Bahnflächen erste Priorität besitzen. Allzu verständlich ist bei dieser Zielsetzung, dass die Deutsche Bahn AG den Standort Europaplatz und, nachdem dieser aus dem Rennen ist, den Standort Reutin mit allen Mitteln in den Vordergrund schieben will. Der Inselbahnhof wird entsprechend vernachlässigt, da er nicht ins Konzept passt: Die errechneten 27 Mio Mark Mehrkosten, die die Stadt für einen zurückgesetzten Inselbahnhof aufbringen soll, zeigen dies deutlich.

Dem Schienennahverkehr wird in seiner regionalen und zukunftsorientierten Bedeutung bisher leider viel zuwenig Beachtung geschenkt. Lindaus Zukunft hängt von der Entwicklung des Nahverkehrs ab. Schon heute sind 75 % aller Zugbewegungen dem Regionalverkehr zuzuordnen. Der Fernverkehr ist nur von sekundärer Bedeutung, zumal die Fernzüge in naher Zukunft aus Gründen weiterer Zeitersparnis wohl nur noch in Bregenz halten werden. Wer diese Fakten nicht genügend berücksichtigt, entscheidet falsch.

Wer zulässt, dass der regionale Schienenverkehr, insbesondere die Bodensee-Gürtelbahn, die bald Lindau erreichen wird, in einem Bahnhof in Reutin endet und nicht bis auf die Insel geführt wird, entscheidet gegen die Zukunft Lindaus. Damit würde der Insel der touristische und wirtschaftliche Lebensnerv abgeschnitten, damit würde die Insel ins Abseits gedrängt werden, Reutin hingegen würde zusammen mit dem Feneberg-Kaufhaus zum neuen Hauptzentrum Lindaus. Wer Bahnreisenden mit dem Ziel Insel (man denke an die vielen Ausflügler und Tagungsteilnehmer) ein Umsteigen in den Bus zumutet, nimmt einen gewaltigen Attraktivitätsverlust der Stadt Lindau insgesamt und erhebliche Fahrgasteinbußen in Kauf. Dies kann sich nicht einmal ein Reutiner wünschen, auch wenn gewisse praktische Vorteile bei einem Bahnhof in Reutin vordergründig ins Auge stechen. Die Bahn ist nur in dem Maß attraktiv, wie auch der Bahnhof attraktiv ist, und das ist bei der einmaligen Situation der Inselstadt Lindau eben nur ein Bahnhof auf der Insel.

Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, diese Argumente bei der Entscheidungsfindung nicht außer acht zu lassen und verbleibe mit freundlichen Grüßen

Ihr Peter Borel

-stellv. ÖDP-Ortsvorsitzender


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