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Das Erste.de
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 21.06.2011. Eventuelle
spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.
Rückschau:
Atomkraftwerke
Gefahr bei Revision
Die
zwei Reaktoren des Atomkraftwerks Gundremmingen in Bayern liegen direkt neben
Aislingen an der Donau, dem Ort, aus dem Familie Röther stammt. Die Familie lebt
gerne dort, nicht nur, um ihr viertes Kind auf dem Friedhof besuchen zu können.
Raffael hatte Leukämie. Als er erkrankte, war er noch keine vier Jahre alt.
Vater Armin Röther erinnert sich: „Wir haben halt damals gemerkt, dass er
Schmerzen in der Leiste und im Halsbereich gehabt hat. Und da sind wir ins
Krankenhaus nach Augsburg gefahren zur Untersuchung. Da haben sie dann
festgestellt, dass der Verdacht auf Leukämie besteht und der hat sich dann auch
bestätigt.“ Innerhalb von fünf Wochen verstarb Raffael. Ärzte sagen, Leukämie
kommt bei Kindern äußerst selten vor. Hängt Raffaels Tod mit dem Atomkraftwerk
zusammen? Die Röthers wissen es nicht. „Strahlung sieht man nicht. Man kann
nicht sagen, ob das Menschen krank macht oder nicht, oder ob es schuld war. Das
ist unser Problem“, sagt der Vater.
Das Atomkraftwerk Gundremmingen ist die größte Anlage in Deutschland. Es liegt
nur vier Kilometer vom Haus der Röthers entfernt. Geht von dem Kraftwerk eine
Gefahr aus? Eine groß angelegte Studie der Uni Mainz untersuchte 2007 das
Krebsrisiko für Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken leben. Das Ergebnis:
„Kinder unter fünf Jahren erkranken häufiger an Krebs, je näher sie am
Kernkraftwerksstandort wohnen – und: Bei Leukämie sind sogar mehr als doppelt so
viele Fälle aufgetreten, wie zu erwarten waren.“ Seither streitet die
Wissenschaft um die Aussagekraft der Studie. Es fehle der Beweis, dass Strahlung
tatsächlich die Ursache für die erhöhten Krebsraten ist, heißt es. Schließlich
würden die Grenzwerte nicht überschritten.
Erhöhte Werte bei Brennelementwechsel
Reinhold Thiel engagiert sich in der Organisation Ärzte gegen den Atomkrieg. Er
machte bei seinen Recherchen über ein anderes Atomkraftwerk eine interessante
Entdeckung: Eine Tabelle mit Emissionswerten des radioaktiven Kohlenstoffs C14,
veröffentlicht vom Bundesamt für Strahlenschutz. Er fand heraus, dass in
bestimmten Zeiträumen viel mehr Radioaktivität auftritt als sonst. „Die Tabelle
besagt, dass immer in diesem Quartal, in dem eine Revision mit
Brennelementwechsel gemacht worden ist, erhöhte Werte aufgetreten sind“, so
Thiel. Das funktioniert, vereinfacht gesagt, so: Beim Brennelementwechsel wird
der Deckel des Druckbehälters geöffnet, die verbrauchten Brennstäbe kommen in
ein Lagerbecken. Wenn der Deckel sich öffnet, entweicht durch ein Lüftungssystem
aber viel mehr Radioaktivität als im Normalbetrieb. So kommen Tagesspitzen
zustande. Die öffentlichen Werte aber zeigen nur Mittelwerte eines längeren
Zeitraumes. „Die richtigen Werte sind aber die, die geheim gehalten werden. Das
sind die Spitzenwerte. Und die sind deutlich höher als gemittelte Werte“, meint
der kritische Arzt.
Wohlgemerkt: Die Betreiber müssen diese Werte nicht veröffentlichen. Die
Menschen in der Nähe des Atomkraftwerks wissen nichts über solche Tagesspitzen.
Der atomkritische Strahlenmediziner Edmund Lengfelder glaubt, dass die
Mittelwerte über die Wirkung der Strahlung hinwegtäuschen: „Wenn man die Menge,
die da abgegeben wird, mittelt über einen längeren Zeitraum, dann ist es so, wie
wenn jemand an einem Tag eine Flasche Schnaps trinkt. Dieselbe Menge Schnaps auf
zwei Monate verteilt, ist völlig ungefährlich. An einem Tag getrunken, kann das
bei einem Erwachsenen einen richtigen Rausch geben. Bei einem kleinen Kind würde
das möglicherweise den Tod bedeuten.“ Gilt das, was bei Alkohol sofort
einleuchtet, auch für Radioaktivität? Und zwar selbst dann, wenn die Spitzen
unterhalb der Grenzwerte liegen? Oder schadet gerade Kindern auch schon
vermeintlich geringe Strahlungen?
„Emissionsspitzen machen den Effekt“
Die
Betreiber haben bisher ihre eigenen taggenauen Werte nicht veröffentlicht. Auf
Anfrage gibt RWE plusminus erstmals eine Statistik über den Zeitraum des
Brennelementwechsels in Gundremmingen preis. Es sind Daten der sogenannten
Revision im vergangenen Jahr. Sie zeigen die Spitzenabgaben von Edelgasen und
Jod.
Wir geben die Daten dem Physiker Alfred Körblein vom Umweltinstitut München. Für
ihn sind die Daten neu. Der Wissenschaftler geht seit Jahren der Frage nach:
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Wechsel der Brennelemente und einem
Krebsrisiko? Alfred Körblein berechnet einen zeitgenauen Verlauf. Sein Ergebnis:
Die Abgabe von Edelgasen schnellt innerhalb eines Tages um das 160-Fache in die
Höhe. Innerhalb weniger Tage entweicht fast ein Drittel des gesamten
Jahresausstoßes für Edelgase, bei Jod ist es sogar die Hälfte. „Die Emissionen
konzentrieren sich jetzt auf ein kurzes Zeitintervall innerhalb des
Brennelementwechsels. Und das war der Nachweis, den ich gebraucht habe, um meine
These zu belegen, dass es eben die Emissionsspitzen sind, die den Effekt machen
und nicht die mittlere Belastung über das Jahr“, sagt der Physiker.
Wir konfrontieren RWE mit den Ergebnissen von Körblein. Doch RWE schreibt, dass
alle Grenzwerte deutlich unterschritten werden, selbst bei Tagesspitzen. „Von
einer unzulässigen Belastung für die Umgebung und somit auch für Kinder ist
daher nicht auszugehen.“ Die errechneten Werte würden außerdem weit unterhalb
der erlaubten Grenzwerte liegen – um bis zu 90 Prozent, so der Energiekonzern.
Was unterhalb der Grenzwerte liegt, ist für RWE also unschädlich.
Der Strahlenbiologe Edmund Lengfelder sieht das anders: „Die Freisetzung durch
eine so massive Erhöhung bedeutet einen Schub an Strahlenbelastung in einem
Organismus, der fünf- bis zehnmal strahlensensibler ist als der Erwachsene und
das ist für mich wie eine Flasche Schnaps dem Kind geben.“
Die Betreiber gehen von den gesetzlichen Grenzwerten aus und die unterschreiten
sie deutlich. Die kritischen Wissenschaftler gehen von den Schäden aus, die
ihrer Ansicht nach auch schon weit unterhalb der Grenzwerte entstehen. Für sie
sind die Grenzwerte eine politische Größe, meint Lengfelder: „Die Öffentlichkeit
ist leider der irrigen Meinung, ein Grenzwert sei die Grenze zwischen sicher und
unsicher. Das ist es überhaupt nicht. Jeder Grenzwert toleriert politisch
gesehen eine gewisse Menge an gesundheitlichen Schäden.“
Für Familie Röther bleibt die Ungewissheit. Sie werden weiter in der Nähe des
Kraftwerks leben, das noch zehn Jahre am Netz bleiben soll. Für sie ist das kein
gutes Gefühl.