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Aus nachfolgender Internetseite, kopiert am 23.06.2011. Xaver Fichtl

www.daserste.de/plusminus/beitrag_dyn~uid,fup9thovn59ka7dj~cm.asp

Das Erste.de
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 21.06.2011. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.


Rückschau: Atomkraftwerke

Gefahr bei Revision

Die zwei Reaktoren des Atomkraftwerks Gundremmingen in Bayern liegen direkt neben Aislingen an der Donau, dem Ort, aus dem Familie Röther stammt. Die Familie lebt gerne dort, nicht nur, um ihr viertes Kind auf dem Friedhof besuchen zu können. Raffael hatte Leukämie. Als er erkrankte, war er noch keine vier Jahre alt. Vater Armin Röther erinnert sich: „Wir haben halt damals gemerkt, dass er Schmerzen in der Leiste und im Halsbereich gehabt hat. Und da sind wir ins Krankenhaus nach Augsburg gefahren zur Untersuchung. Da haben sie dann festgestellt, dass der Verdacht auf Leukämie besteht und der hat sich dann auch bestätigt.“ Innerhalb von fünf Wochen verstarb Raffael. Ärzte sagen, Leukämie kommt bei Kindern äußerst selten vor. Hängt Raffaels Tod mit dem Atomkraftwerk zusammen? Die Röthers wissen es nicht. „Strahlung sieht man nicht. Man kann nicht sagen, ob das Menschen krank macht oder nicht, oder ob es schuld war. Das ist unser Problem“, sagt der Vater.

Das Atomkraftwerk Gundremmingen ist die größte Anlage in Deutschland. Es liegt nur vier Kilometer vom Haus der Röthers entfernt. Geht von dem Kraftwerk eine Gefahr aus? Eine groß angelegte Studie der Uni Mainz untersuchte 2007 das Krebsrisiko für Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken leben. Das Ergebnis: „Kinder unter fünf Jahren erkranken häufiger an Krebs, je näher sie am Kernkraftwerksstandort wohnen – und: Bei Leukämie sind sogar mehr als doppelt so viele Fälle aufgetreten, wie zu erwarten waren.“ Seither streitet die Wissenschaft um die Aussagekraft der Studie. Es fehle der Beweis, dass Strahlung tatsächlich die Ursache für die erhöhten Krebsraten ist, heißt es. Schließlich würden die Grenzwerte nicht überschritten.

Erhöhte Werte bei Brennelementwechsel

Reinhold Thiel engagiert sich in der Organisation Ärzte gegen den Atomkrieg. Er machte bei seinen Recherchen über ein anderes Atomkraftwerk eine interessante Entdeckung: Eine Tabelle mit Emissionswerten des radioaktiven Kohlenstoffs C14, veröffentlicht vom Bundesamt für Strahlenschutz. Er fand heraus, dass in bestimmten Zeiträumen viel mehr Radioaktivität auftritt als sonst. „Die Tabelle besagt, dass immer in diesem Quartal, in dem eine Revision mit Brennelementwechsel gemacht worden ist, erhöhte Werte aufgetreten sind“, so Thiel. Das funktioniert, vereinfacht gesagt, so: Beim Brennelementwechsel wird der Deckel des Druckbehälters geöffnet, die verbrauchten Brennstäbe kommen in ein Lagerbecken. Wenn der Deckel sich öffnet, entweicht durch ein Lüftungssystem aber viel mehr Radioaktivität als im Normalbetrieb. So kommen Tagesspitzen zustande. Die öffentlichen Werte aber zeigen nur Mittelwerte eines längeren Zeitraumes. „Die richtigen Werte sind aber die, die geheim gehalten werden. Das sind die Spitzenwerte. Und die sind deutlich höher als gemittelte Werte“, meint der kritische Arzt.

Wohlgemerkt: Die Betreiber müssen diese Werte nicht veröffentlichen. Die Menschen in der Nähe des Atomkraftwerks wissen nichts über solche Tagesspitzen. Der atomkritische Strahlenmediziner Edmund Lengfelder glaubt, dass die Mittelwerte über die Wirkung der Strahlung hinwegtäuschen: „Wenn man die Menge, die da abgegeben wird, mittelt über einen längeren Zeitraum, dann ist es so, wie wenn jemand an einem Tag eine Flasche Schnaps trinkt. Dieselbe Menge Schnaps auf zwei Monate verteilt, ist völlig ungefährlich. An einem Tag getrunken, kann das bei einem Erwachsenen einen richtigen Rausch geben. Bei einem kleinen Kind würde das möglicherweise den Tod bedeuten.“ Gilt das, was bei Alkohol sofort einleuchtet, auch für Radioaktivität? Und zwar selbst dann, wenn die Spitzen unterhalb der Grenzwerte liegen? Oder schadet gerade Kindern auch schon vermeintlich geringe Strahlungen?

„Emissionsspitzen machen den Effekt“

Die Betreiber haben bisher ihre eigenen taggenauen Werte nicht veröffentlicht. Auf Anfrage gibt RWE plusminus erstmals eine Statistik über den Zeitraum des Brennelementwechsels in Gundremmingen preis. Es sind Daten der sogenannten Revision im vergangenen Jahr. Sie zeigen die Spitzenabgaben von Edelgasen und Jod.

Wir geben die Daten dem Physiker Alfred Körblein vom Umweltinstitut München. Für ihn sind die Daten neu. Der Wissenschaftler geht seit Jahren der Frage nach: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Wechsel der Brennelemente und einem Krebsrisiko? Alfred Körblein berechnet einen zeitgenauen Verlauf. Sein Ergebnis: Die Abgabe von Edelgasen schnellt innerhalb eines Tages um das 160-Fache in die Höhe. Innerhalb weniger Tage entweicht fast ein Drittel des gesamten Jahresausstoßes für Edelgase, bei Jod ist es sogar die Hälfte. „Die Emissionen konzentrieren sich jetzt auf ein kurzes Zeitintervall innerhalb des Brennelementwechsels. Und das war der Nachweis, den ich gebraucht habe, um meine These zu belegen, dass es eben die Emissionsspitzen sind, die den Effekt machen und nicht die mittlere Belastung über das Jahr“, sagt der Physiker.

Wir konfrontieren RWE mit den Ergebnissen von Körblein. Doch RWE schreibt, dass alle Grenzwerte deutlich unterschritten werden, selbst bei Tagesspitzen. „Von einer unzulässigen Belastung für die Umgebung und somit auch für Kinder ist daher nicht auszugehen.“ Die errechneten Werte würden außerdem weit unterhalb der erlaubten Grenzwerte liegen – um bis zu 90 Prozent, so der Energiekonzern. Was unterhalb der Grenzwerte liegt, ist für RWE also unschädlich.

Der Strahlenbiologe Edmund Lengfelder sieht das anders: „Die Freisetzung durch eine so massive Erhöhung bedeutet einen Schub an Strahlenbelastung in einem Organismus, der fünf- bis zehnmal strahlensensibler ist als der Erwachsene und das ist für mich wie eine Flasche Schnaps dem Kind geben.“

Die Betreiber gehen von den gesetzlichen Grenzwerten aus und die unterschreiten sie deutlich. Die kritischen Wissenschaftler gehen von den Schäden aus, die ihrer Ansicht nach auch schon weit unterhalb der Grenzwerte entstehen. Für sie sind die Grenzwerte eine politische Größe, meint Lengfelder: „Die Öffentlichkeit ist leider der irrigen Meinung, ein Grenzwert sei die Grenze zwischen sicher und unsicher. Das ist es überhaupt nicht. Jeder Grenzwert toleriert politisch gesehen eine gewisse Menge an gesundheitlichen Schäden.“

Für Familie Röther bleibt die Ungewissheit. Sie werden weiter in der Nähe des Kraftwerks leben, das noch zehn Jahre am Netz bleiben soll. Für sie ist das kein gutes Gefühl.