Xaver Fichtl, Leserbrief Lindauer Zeitung vom 18.09.2002:

Verdacht auf Gesundheitsstörungen bestätigt

Der Vortrag von Prof. Dr. Jürgen H. Bernhardt muss auch bei demjenigen, der die Gefahren des Mobilfunks verdrängt und die gesundheitlichen Beeinträchtigungen übergeht, Zweifel genährt haben.

1. Prof. Bernhardt sprach von unabhängigen Gutachten der ICNIRP (Int. Kommission für nicht-ionisierende Strahlung), oft von ICNIRP und WHO im Doppelpack, und begründete die Berechtigung der ICNIRP damit, dass nationale Kommissionen die Grenzwertempfehlungen der ICNIRP übernommen hätten. Dazu muss man wissen, dass die ICNIRP ein Privatverein ist, kein WHO-Organ, und von interessierter Seite bezahlt wird. Weiter sind die Mitglieder der ICNIRP wohl meist in nationalen Gremien tätig, wie z.B. Prof. Bernhard, stellvertr. Vorsitzender der ICNIRP und jahrelang Vorsitzender der SSK (Strahlenschutzkommission).

2. Prof. Bernhardt sprach davon, dass bei Frequenzen über 10 MHz von der Dominanz der thermischen Wirkungen ausgegangen werden müsse. Da die ICNIRP- und SSK-beeinflussten Grenzwerte in Deutschland und anderswo nur die thermischen Wirkungen berücksichtigen, glaubt er sich fein aus der Sache. Allerdings hat kein Mobilfunkkritiker die thermischen Wirkungen im Visier, sondern die vielen vorhandenen, ganz verschiedenartigen Beeinträchtigungen und Gesundheitsstörungen, die vermutlich auf nichtthermische und nichtionisierende Wirkungen zurückgehen. Elektrosensibilität kam in seinem Referat nicht vor.

3. Die vielen Hinweise auf Gesundheitsstörungen sortiert die SSK unter "Unbestätigter Hinweis" im Gegensatz zu "Begründeter Verdacht" oder "Wissenschaftlicher Nachweis" und braucht sie deshalb nicht allzusehr gewichten. So haben Chemie- bzw. Pharmafirmen nach den ersten Verdachtsfällen von z.B. Contergan- und Lindanschäden auf wissenschaftliche Untersuchungen und amtliche Zulassungen verwiesen und Marktabsetzung ihre Produkte verzögert. Dies wird sich auch beim Mobilfunk so entwickeln.

4. Prof. Bernhard sagte, dass die Expositionen möglichst gering gehalten werden sollten. Für das Risikomanagement erklärt er aber die Politik zuständig. Die Politik wiederum beruft sich auf unabhängige Experten. So kann alles bleiben wie es ist und die UMTS-Milliarden sind nicht gefährdet. Prof. Güttler von der FH Ulm, welcher im Januar in Lindau pro Mobilfunk referiert hat, drückte sich etwas deutlicher aus: auf die elektrosensiblen Menschen angesprochen meinte er, dass ein paar Promille der Bevölkerung gesundheitlich beeinträchtigt würden, werde man - wie beim Auto - hinnehmen müssen.

5. Was nun? Die Idee, die Kommunen an der Auswahl der Standorte für Basisstationen oder sonstiger Sender zu beteiligen, bringt außer Sendergeschiebe nach dem St. Floriansprinzip nichts. Auch die Idee, Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten von Sendern freizuhalten, ist seltsam, wenn man bedenkt, dass die Kinder, Schüler, Kranke sich deutlich mehr zuhause als an den genannten Orten aufhalten. Alles dies sind Verrenkungen, um vom wichtigsten abzulenken: geboten sind die massive Absenkung der Grenzwerte und die Reduzierung der Handy-Gespräche: Steuer wie z.B. bei Alkohol und Zigaretten, Zulassung nur für Erwachsene, keine Handy-Werbung im Fernsehen, Gebrauchswarnung bei jedem Handy und sonstige Maßnahmen, die die Handymanie insbesondere bei Kindern eindämmen und das Funktelefon auf sinnvolle und notwendige Bereiche einschränken.


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