In der Schweiz und in Österreich gehen die Behörden gelassen mit der "Vogelgrippe" um: Die Stallpflicht wurde längst abgeschafft. Die Ergebnisse des Constanze-Projekts untermauern diese Entscheidung eindrucksvoll, wovon ich mich als Teilnehmerin überzeugen konnte. Übrigens ist meines Wissens bisher weltweit kein Fall bekannt, dass Wildvögel Hausgeflügel angesteckt hätten. Wenn bei Ausbrüchen die Infektionsquelle bekannt wurde, handelte es sich stets um Übertragungen über den internationalen Handel mit Geflügel und dessen Produkten.
Ein drastisches Beispiel waren letzten Sommer die nach außen abgeschotteten Enten-Massentierhaltungen der Firma Wichmann in Bayern. An verschiedenen Standorten wurden rund 400 000 Enten getötet, weil in einigen Ställen das H5N1-Virus entdeckt wurde, teilweise nur durch Zufall. Die Herkunft wurde nicht zufriedenstellend geklärt. Immerhin waren zuvor Hühner aus einem vermutlich befallenen tschechischen Bestand in einen Schlachthof nach Franken gebracht worden.
Auf jeden Fall steckten sich Weihnachten drei kleine Hühnerhaltungen in Brandenburg an Abfällen gefrorener Enten aus dem sommerlichen bayerischen Ausbruch an. Ist es etwa nicht der Rede wert, dass ein halbes Jahr lang mit dem H5N1-Virus infiziertes Geflügel für jedermann zugänglich im Handel war - als permanentes Infektionsrisiko?
Stattdessen gilt in Deutschland weiterhin die Stallpflicht, wo sie nicht gerade durch eine Ausnahmeregelung ausgesetzt ist. Unzählige Federtiere sind durch den Stallzwang bereits krank geworden, viele Halter haben aufgegeben, andere Betriebe stehen vor dem wirtschaftlichen Ruin. Die Auflagen für regelmäßige Untersuchungen und Volierenbauten lasten auf den Haltern, während die Massentierhalter von einer sorgfältigen Routine-Überwachung verschont bleiben. Wem also dient es, wenn ein Wissenschaftler wie der Schweizer Professor Griot weiterhin gegenüber einer deutschen Zeitung "vor Entspannung" warnt, anstatt zu sagen: Die Stallpflicht macht keinen Sinn! Eher sollltet Ihr verbieten, ins Freie zu gehen, weil ein gewisses Risiko besteht, von einem Meteoriten oder dem gefrorenen Inhalt eines Flugzeugklos erschlagen zu werden.
Apropos Pflicht: Politiker verlassen sich bei ihren Vogelgrippe-Maßnahmen auf die Risikobewertung der mit der Materie befassten Wissenschaftler. Sie könnten also durchaus entschieden zur Abschaffung der Stall-Pflicht beitragen!
Karin Ulich
Tierärztin
88138 Sigmarszell
Leserbrief in der Lindauer Zeitung vom 28. Juni 2008