"Grüne Gentechnik" - Gefahren und Risiken

ödp: keine Lebensmittel aus dem Genlabor
Die Gen-Lobby spricht von einer "Chance", viele Politiker begründen die Inkaufnahme ihrer Restrisiken mit der internationalen Konkurrenzfähigkeit. Eindeutig ist die Position der ödp: Aufgrund ihrer Gefahren und Risiken sowie ethischer Bedenken lehnt sie die "grüne Gentechnik" ab.
Gentechnisch veränderte Pflanzen und Nahrungsmittel haben sich inzwischen auf breiter Front durchgesetzt. Genveränderungen sollen Pflanzen pflegeleichter machen und v.a. den Ertrag steigern, außerdem durch veränderten Wasser- oder Stärkegehalt dafür sorgen, daß die Ernte durch längere Haltbarkeit besser transportiert und verarbeitet werden kann. Eingeschleuste Gene in Nahrungsmitteln sollen diese angeblich billiger und bekömmlicher werden lassen. Die ödp kann den Nutzen dieser neuen Technologie für die Verbraucher/innen nicht erkennen. Neue, bisher nicht bekannte Risiken kann niemand ausschließen. Nicht wenige zunächst als unbedenklich eingestufte Technologien wurden zu einem späteren Zeitpunkt als umwelt- und gesundheitsgefährdend erkannt. Neben bisher nicht ausschließbaren Risiken muß mit neuen, noch unbekannten Risiken gerechnet werden. Diese Skepsis äußern inzwischen auch immer mehr Fachleute.

Gesundheitliche Risiken
Nach heutigem Stand dieser Technik ist es nur möglich, fremdes Erbgut zufälligerweise in das Genom z.B. einer Pflanze zu transferieren, ohne die gesamte Auswirkung genau vorhersagen zu können. Dadurch kann es zu unbeabsichtigten Veränderungen des Stoffwechsels im transgenen Organismus kommen; eine Gesundheitsgefährdung für Mensch und Tier ist nicht ausgeschlossen.
Denkbar ist auch, daß "stumme" Gene (z.B. Krebsgene) beim Menschen aktiviert oder andererseits wichtige aktive Gene des Menschen blockiert werden. Zudem werden bei Pflanzen sog. Resistenzgene (Antibiotika) aus technischen Gründen an die eigentlich wichtigen Gene gehängt; Mikroorganismen werden damit resistent gegen Antibiotika. Eine Übertragung dieser Resistenz auf die menschliche oder tierische Darmflora, v.a. aber auf Krankheitserreger birgt eine große Gefahr. Da Gen-Pflanzen immer häufiger Gene aus Mikroorganismen enthalten, die bislang nicht zur menschlichen Nahrung zählten, bilden zunehmende und neue Allergien ein weiteres Gefährdungspotential.

Ökologische Risiken
Anfangs wurde die Befürchtung, daß es bei Freisetzungen zu einem horizontalen Gentransfer zwischen verwandten und nicht-verwandten Organismen kommen könne, von den Fachleuten als unwahrscheinlich abgetan. Heute bestreiten nicht einmal Gentechnik-Unternehmen, daß die Übertragung verwandter Organismen wahrscheinlich ist und daß auch die direkte Genübertragung zwischen artfremden Organismen häufiger vorkommt als ursprünglich vermutet. Da lebende Organismen die Fähigkeit haben, sich, einmal in die Umwelt entlassen, zu vermehren und nicht rückholbar auszubreiten, bedeutet dies eine große Gefahr für unsere Umwelt, für das ökologische Gleichgewicht.
Die Entwicklung neuer und neuartiger Herbizide wird zu einer zusätzlichen Belastung von Boden, Wasser und Luft führen. Seit es sog. Eis-minus-Bakterien gibt, wird selbst von Fachleuten auch die Veränderung des Klimas durch Genmanipulation nicht ausgeschlossen. Nach wie vor ist kein Versicherungsunternehmen bereit, gentechnische Anlagen zu versichern.

Soziale Risiken
Durch den Einbau sog. Terminatorgene in Pflanzen sorgen Gentech-Großkonzerne und Saatguthersteller dafür, daß Pflanzen steril werden, also eine Weiterzucht und erneute Aussaat unmöglich wird. Still und leise haben in den letzten Jahren einige Großkonzerne über Patente das Eigentumsrecht an vielen Nutzpflanzen und deren Schlüsselgenen erworben. Die Monopolisierung des Ernährungsmarktes schreitet voran. Doch wenn die Gen-Industrie bestimmt, welche Pflanzen angebaut werden dürfen, bestimmt sie auch, was wir essen müssen. Die Landwirtschaft wird abhängig gemacht, der ökologische Landbau existenziell bedroht, durch deutliche Industrialisierung die Arbeitslosigkeit verstärkt und die Dritte Welt noch mehr zugunsten multinationaler Konzerne ausgebeutet.

Ethische Bedenken
Gerade die "grüne Gentechnik" wirft die brisante Frage auf, ob der Machbarkeitswahn der "Weisheit der Natur" durch jahrmillionenlange Erfahrung - der Evolution - nun ins Handwerk pfuschen darf. Können wir ein derartiges Hasardspiel mit der Menschheit und der Umwelt verantworten?
Erwin Chargaff, Mikrobiologe der ersten Stunde, beklagt: "Verlorengegangen ist der Gesetzgeber in uns, der Anstand!" - und er fügt hinzu: "Der Ausbau der Wissenschaft unter dem Vorwand, der Menschheit zu helfen, ist eine der größten Lügen unserer Zeit!" Das Problem ist dabei nicht der neugierige Mensch; auf viele Errungenschaften von Wissenschaft und Technik wollen wir nicht verzichten. Doch proportional zu Forschung, Wissenschaft und Anwendung müssen Verantwortung und Verantwortlichkeit wachsen. Die vorrangige Frage darf also nicht heißen: "Was können wir?". Sie muß lauten: "Was können wir verantworten?"
Nachdem sich die rot-grüne Bundesregierung von ihrer angekündigten "Gen-Politik der strikten Risikovorsorge" entfernt hat, ist es, um neuen Handlungsdruck auch auf europäischer Ebene zu schaffen, Aufgabe der ödp, auf Gefahren und Risiken der "grünen Gentechnik" hinzuweisen und Forderungen politisch zu formulieren.

Christine Becker, bundespolitische ödp-Sprecherin für Verbraucherschutz
Kontakt: Helmbrechtser Str. 9, 95197 Schauenstein

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